
Nachhaltigkeit gilt als zentrales Zukunftsthema. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an das Bildungssystem. Doch wie konsequent ist Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) tatsächlich im Bildungsalltag verankert? Die didacta 2026 eröffnet Raum für Diskussionen.
28.01.2026
Bundesweit
Artikel
Jule Krause
Sterben Agenda 2030 Die Vereinten Nationen formulieren es eindeutig: Alle Lernenden sollen Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung erwerben. Konkret geht es darum, ökologische, ökonomische und soziale Zusammenhänge zu verstehen und verantwortungsvolles Handeln einzuüben. Und wo könnte das besser passieren als in Kitas, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Hochschulen? Allerdings: Im formalen Bildungssystem entfallen nur rund 14 Prozent der Unterrichtszeit auf Inhalte mit erkennbarem Nachhaltigkeitsbezug.
Das ist das ernüchternde Fazit des nationales BNE-Monitoring des Instituts Futur an der Freien Universität Berlin. Besonders kritisch: 31 Prozent der befragten Lernenden fühlen sich nicht ausreichend befähigt, zur Lösung nachhaltigkeitsbezogener Probleme beizutragen; 10 Prozent sogar „überhaupt nicht“. Gleichzeitig äußern sowohl Schülerinnen als auch Schüler als auch Lehrkräfte den Wunsch, im Unterricht deutlich mehr über Nachhaltigkeit zu sprechen.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Für den schulischen Bereich tritt damit ein bekanntes Musterzutage auf. BNE ist als Leitidee zwar in vielen Lehrplänen enthalten, bleibt im Unterrichtsalltag jedoch häufig auf einzelne Fächer, Projekte oder besonders engagierte Lehrkräfte beschränkt. So wird Nachhaltigkeit vereinzelt thematisiert, aber nur selten systematisch und fächerübergreifend umgesetzt. Hinzu kommt ein Qualifizierungsproblem: Rund zwei Drittel der Lehrkräfte geben an, dass BNE in ihrem Studium oder Referendariat keine oder nur eine sehr geringe Rolle gespielt habe. Das erschwert eine fächerübergreifende und handlungsorientierte Umsetzung – auch mit Blick auf spätere Bildungs- und Berufsentscheidungen junger Erwachsener.
Ein theoretischer Vorstoß für die schulische Praxis ist der „Orientierungsrahmen Globale Entwicklung‚“. Erstellt wurde er von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Kooperation mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). „Die Zusammenarbeit beim Orientierungsrahmen verbindet schulische Bildung mit einer internationalen, entwicklungspolitischen Perspektive und stellt sicher, dass junge Menschen die Kompetenzen erwerben, die sie für eine globalisierte Welt benötigen“, erklärt Dr. Katja Weigelt, Leiterin des Referats Entwicklungspolitische Bildungsarbeit im BMZ. Das Angebot richtet sich an Länder und Schulen. Es verbindet konzeptionelle Grundlagen mit konkreten Umsetzungshilfen für Unterricht, Lehrkräftebildung und Schulentwicklung – etwa mithilfe didaktischer Konzepte, Beispielthemen und Unterrichtsskizzen.
Beim didacta-Panel „Globale Verantwortung in der Schule – Der neue KMK/BMZ-Orientierungsrahmen Globale Entwicklung“ Wird die im Oktober 2025 erschienene Ergänzung für die gymnasiale Oberstufe diskutiert: als Ansatz, globale Themen nicht nur curricular zu benennen, sondern strukturell in die Sekundarstufe II einzubinden. „Globale Herausforderungen betreffen uns in Deutschland direkt: Klimakatastrophen, Migration und Kriegsgeflüchtete, Konflikte, Lieferketten oder digitale Abhängigkeiten machen nicht an Grenzen Halt“, sagt Weigelt. „Entwicklungspolitik – und hier die Bildungsarbeit mit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung – hilft, diese Zusammenhänge zu verstehen, zu bewerten und im besten Fall vorausschauend zu handeln, statt nur auf Krisen zu reagieren.“ Der Orientierungsrahmen unterstützt Schulen dabei, „solche Themen fachlich und pädagogisch verantwortungsvoll aufzugreifen und junge Menschen zu motivieren, sich zu engagieren“.
BNE unter realen Bedingungen
Dass BNE in der Praxis oft noch vom individuellen Engagement einzelner Akteure abhängt, zeigt sich nicht nur im schulischen Kontext, sondern auch in der Ausbildung. „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Unternehmen im Sinne der Nachhaltigkeit handeln. Das ist ein weiterer Weg, den wir da vor uns haben“, sagt Dr. Michael Pries, Hochschuldozent und Projektleiter in der Deutschen KlimaStiftung für das Verbundprojekt „BBNE Lobby“. Viele Betriebe stehen unter hohem wirtschaftlichem Druck, gleichzeitig müssten sie die schulischen Defizite von Auszubildenden auffangen und unter Fachkräftemangel litten. Unter diesen Bedingungen wird Bildung für nachhaltige Entwicklung selten priorisiert, sondern benötigt gezielte Impulse, Austauschformate und Unterstützungsstrukturen. Darüber will Pries auch auf der didacta sprechen. Bei der von ihm moderierten Podiumsdiskussion „Zukunft lernen: Nachhaltigkeit in der Berufsausbildung„ kommen Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Unternehmen und Förderpraxis zusammen. Das Ziel: unterschiedliche Perspektiven auf BNE in der Beruflichen Bildung zusammenführen und offen über Voraussetzungen, Hürden und konkrete Umsetzungsstrategien diskutieren.
Der Übergang zur beruflichen Bildung
Damit die praktische Umsetzung gelingt, ist es für Hochschuldozent Pries zentral, BNE nicht als Zusatzaufgabe zu begreifen: „Nachhaltigkeit ist kein extra Thema, das man oben drauf setzt, sondern ein Querschnittsthema.“ Tatsächlich sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit bereits in den sogenannten Standardberufsbildpositionen verankert – auch als übergeordneter Kompetenzbereich, unabhängig vom jeweiligen Ausbildungsberuf. Auch in diesem Sinne findet Pries, muss systematisch angeregt werden, das eigene berufliche Handeln zu reflektieren: Wo lassen sich Ausbildungsinhalte und Arbeitsprozesse ressourcenschonender, energieeffizienter oder sozial verantwortlicher gestalten?
Gerade dort, wo schulische Grundlagen in beruflicher Handlungskompetenz übergehen sollen, bleibt jedoch noch vieles unkonkret. Eine Analyse von Dokumenten über BNE in der beruflichen Bildung zeigt: Das Thema wird in Strategien und Programmen häufig als Querschnittsziel genannt, jedoch oft ohne klare Zuständigkeiten. Im Übergang von der Schule in den Beruf gehe dadurch viel Potenzial verloren, betont Diplompädagogin Sabine Schulz-Brauckhoff. Sie leitet die 2025 gestartete Fachkräfteinitiative „Fit Green – Green Economy im Rheinischen Revier“. Das Energie-Kompetenz-Zentrum Rhein-Erft-Kreis und der Wissenschaftsladen Bonn eV möchte mit dem Projekt junge Menschen für nachhaltige Berufsfelder begeistern und regionale Unternehmen bei der Fachkräftesicherung unterstützen.
Denn: In der beruflichen Orientierung gebe es bislang wenig nachhaltigkeitsbezogene Angebote, so Schulz-Brauckhoff. Gerade in Regionen wie dem Rheinischen Revier, die durch die Transformation hin zu einer klimaneutralen und dekarbonisierten Wirtschaft vor tiefgreifenden Transformationsprozessen stehen, sei BNE ein zentraler Baustein: „Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Wissen, Kompetenzen und Werte, die notwendig sind, um diese Transformationsprozesse gestalten zu können.“ Ein Austauschforum der Initiative ermöglicht jungen Menschen und Ausbildungsbetrieben der Green Economy zum Beispiel, auf Augenhöhe zusammenzukommen und über Aspekte möglicher Ausbildungsberufe wie Anforderungen und Stolpersteine zu sprechen. Beteiligungs- und Orientierungsformate an Schulen sowie betriebliches Coaching ergänzen das Angebot. Im Workshop „Fit für die Zukunft?! Berufliche Orientierung und Ausbildung im Strukturwandel„ auf der didacta 2026 spricht Schulz-Brauckhoff über ihr Projekt. Gemeinsam mit Interessierten möchte sie außerdem die Gelingensbedingungen von Orientierungs- und Bildungsangeboten diskutieren, die bei der Entstehung und Besetzung neuer, zukunftsorientierter Ausbildungs- und unterstützen sollen.
didacta als Ort des Austauschs
Die Frage, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung praktisch besser umgesetzt werden kann, wird dabei bei mehreren Vorträgen, Diskussionen und Panels auf der didacta diskutiert. Für Dr. Michael Pries liegt der Mehrwert der Bildungsmesse darin, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. „Hier bildet sich die gesamte Bildungslandschaft ab – vom Kindergarten bis in die Erwachsenenbildung“, unterstreicht er. Der Austausch zwischen Praxis, Wissenschaft und Bildungsträgern eröffne die Möglichkeit, Erfahrungen zu übertragen und neue Ansätze für nachhaltige Bildung zu entwickeln.
Vom 10. bis 14. März 2026 findet die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse unter dem Leitthema „Alles im Wandel. Bildung im Fokus“ statt. Ideeller Träger und Kurator des Rahmenprogramms ist der Didacta Verband, der Verband der Bildungswirtschaft.
Bringen Sie sich aktiv ein, entdecken Sie Best Practices und nehmen Sie frische Impulse für Ihren Berufsalltag mit durch einen Besuch der didacta 2026 in Köln. Sichern Sie sich hier Ihr Ticket für die Bildungsmesse.
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Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta-Themendienst.
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