
In Deutschland begrenzen geringe Qualifikationen spätere Bildungs- und Erwerbsverläufe nachhaltig. Die Auswertungen des LIfBi zum nationalen Bildungsbericht zeigen, wie sich unterschiedliche Qualifikationen langfristig entwickeln, welche Übergänge Bildungswege besonders anfällig sind – und wo gleichzeitig Chancen für Steuerung bestehen.
16.06.2026
Bundesweit
Pressemeldung
LIfBi Leibniz-Institut für Bildungsverläufe
Im Fokus stehen zentrale Weichenstellungen von der Schule in Ausbildung und Studium, langfristige Entwicklungen von Kompetenzen, Bildungserträgen sowie die Frage, in welchem Maße sich Benachteiligungen über den Lebensverlauf verändern oder aufbrechen lassen. Das LIfBi verantwortet im Bericht das Kapitel I und nutzt dafür Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie in Deutschland.
Der erste Schulabschluss entscheidet über vieles, aber nicht über alles
Auf den zunächst erreichten Schulabschluss folgen häufig typische Bildungs- und Erwerbsverläufe. Gleichzeitig zeigen Längsschnittdaten, dass diese Verläufe nicht festgelegt sind, sondern sich – in Abhängigkeit vom Schulabschluss – auch flexible weitere Bildungswege und Möglichkeiten zeigen. So sind bei 89 % der Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss Wege typisch, die durch Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit geprägt sind – zum Teil mit Verzögerung. Mehr als 10 % der Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss gehen jedoch auch Wege, die in ein (Fach-)Hochschulstudium münden. Eine deutlich höhere Vielfalt an Bildungs- und Erwerbsverläufen findet sich vor allem bei Jugendlichen, die die Schule mit der (Fach-)Hochschulreife verlassen haben.
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Hohe Berufsansprüche können Bildungsbrüche begünstigen
Eine höhere Wahrscheinlichkeit für abgebrochene Berufsausbildungen ergibt sich, wenn besonders ambitionierte Berufswünsche auf mittlere Schulabschlüsse treffen. Etwa jeder dritte Jugendliche mit mittlerem Schulabschluss (34 %) strebt einen Beruf auf dem höchsten Anforderungsniveau an (Expert:in), für dessen Ausübung in der Regel mindestens eine vierjährige Hochschulausbildung Voraussetzung ist. In der Folge besteht ein höheres Risiko für eine abgebrochene Berufsausbildung, auf die Phasen der Arbeitslosigkeit folgen können. Eine Berücksichtigung von Berufswünschen und den dafür notwendigen Voraussetzungen und Optionen in der Berufsberatung könnte dem entgegenwirken.
Fehlende Schulabschlüsse benachteiligen ein Leben lang
Fehlende Schulabschlüsse erhöhen das Risiko für Arbeitslosigkeit. Zwar nehmen 66 % der Jugendlichen ohne Schulabschluss an Berufsvorbereitungsmaßnahmen teil, schließen eine Berufsausbildung ab und werden erwerbstätig. Etwas mehr als ein Drittel der Schüler:innen ohne Schulabschluss (34 %) bricht jedoch nach einer Berufsvorbereitung eine Berufsausbildung ab und ist anschließend arbeitslos.
30 % der anfänglich Geringqualifizierten erreichen Hochschulreife, Berufs- oder Hochschulabschluss
Der Langzeitblick zeigt auch: Etwa 30 % der Personen, die nach dem ersten Verlassen des Bildungssystems anfänglich gering qualifiziert sind, haben nach sechs Jahren die (Fach-) Hochschulreife, einen Berufs- und/oder einen Hochschulabschluss. Ca. 70 % bleiben dagegen gering qualifiziert. Geringqualifizierte oder jene mit niedrigerer Bildung sind im Lebensverlauf zudem extrem arbeitslos, haben schlechter bezahlte Tätigkeiten und gesundheitliche Belastungen.
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„Die Bildungssteuerung und -planung in Deutschland sollte Bildung stärker als lebensbegleitenden Prozess verstehen. Derzeit fehlt bezogen auf die Zeit nach dem Verlassen des Schulsystems und die Unterstützung von Chancen für die weitere Bildungsteilhabe kein klarer politischer Zuständigkeitsbereich. Gerade für benachteiligte Gruppen und für Menschen mit nicht geradlinig verlaufenden Bildungs- und Erwerbsverläufen ist es wichtig, dass die Maßnahmen unterschiedlicher Ressorts- und Bildungsbereiche besser aufeinander abgestimmt werden“, so Prof. Dr. Cordula Artelt, Mitglied der Autor:innengruppe des Bildungsberichts und Direktorin des LIfBi.
Kompetenzunterschiede entstehen früh und bleiben lange bestehen
Auch am Beispiel naturwissenschaftlicher Kompetenzen zeigt sich, dass Bildungsunterschiede in Deutschland früh entstehen und lange stabil bleiben. So finden sich schon im Vorschulalter deutliche Kompetenzunterschiede: Kinder von Eltern mit niedrigerer Bildung und aus Familien mit Einwanderungsgeschichte verfügen schon vor Beginn der Grundschule über geringere naturwissenschaftliche Kompetenzen. Weder in der Grundschule noch in der Sekundarstufe holen sie ihren Rückstand gegenüber Kindern höher gebildeter Eltern und jenen ohne Einwanderungsgeschichte auf.
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Potenziale von Frauen in MINT-Berufen erschließen
Deutlich später entwickeln sich jedoch die Kompetenzunterschiede in Bezug auf das Geschlecht. Im Alter zwischen fünf und neun Jahren sind die Leistungsniveaus und die Leistungsentwicklungen der naturwissenschaftlichen Kompetenzen bei Jungen und Mädchen vergleichbar ausgeprägt. Erst mit 15 Jahren weisen Jungen durchschnittlich höhere Kompetenzen auf als Mädchen und zeigen bis zum Alter von 26 Jahren einen stärkeren Kompetenzzuwachs. Zum Teil erhebliche Geschlechterunterschiede – auch zuungunsten von Frauen – bestehen auch in der Entlohnung in MINT-Berufen. Auf Fachkraftniveau verdienten beispielsweise Mechatronikerinnen im Jahr 2024 rund 19 Euro pro Stunde, während ihre männlichen Kollegen über vier Euro mehr pro Stunde erhielten.
Prof. Dr. Cordula Artelt: „Geschlechterunterschiede in naturwissenschaftlichen Kompetenzen sind nicht in Stein gemeißelt. Ein Vorsprung von Jungen gegenüber Mädchen zeigt sich erst in der Pubertät, oft parallel zur Entwicklung einer geschlechtstypischen Motivation bezogen auf naturwissenschaftlich geprägte Tätigkeiten und Berufe.
Über den nationalen Bildungsbericht
Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler:innen erstellt, die folgende Einrichtungen vertreten: Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Federführung), das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität sowie die Statistischen Ämter des Bundes (StBA) und der Länder (vertreten durch das Hessische Statistische Landesamt). Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) fördern die Erarbeitung des Berichts.
Das LIfBi verantwortet Kapitel I „Bildungsverläufe, Kompetenzentwicklung und Erträge“ und nutzt dabei – wie der Bildungsbericht insgesamt – insbesondere die Daten des Nationalen Bildungspanels.
Über das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und das Nationale Bildungspanel (NEPS)
Das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg untersuchte Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter. Um die bildungswissenschaftliche Längsschnittforschung in Deutschland zu fördern, stellt das LIfBi eine grundlegende, überregional und international bedeutsame, forschungsbasierte Infrastruktur für die empirische Bildungsforschung zur Verfügung.
Kern des Instituts ist das Nationale Bildungspanel (NEPS), das am LIfBi beheimatet ist und die Expertise eines deutschlandweiten, interdisziplinären Exzellenznetzwerks vereint. Das NEPS besteht aus sieben großen Teilstudien, den sogenannten Startkohorten. Diese umfassen insgesamt mehr als 70.000 getestete und befragte Personen von der Geburt über Ausbildungs- und Erwerbsphase bis hinein in die Nacherwerbsphase sowie 50.000 Personen aus deren Umfeld, etwa Eltern und pädagogisches Fachpersonal. Die Stichproben der Startkohorten wurden repräsentativ für ganz Deutschland gezogen. Die so erhobenen Daten werden anonymisiert und Bildungsforschenden weltweit zugänglich gemacht. Geleitet wird das NEPS von Prof. Dr. Cordula ArteltDirektorin des LIfBi, die auch Mitglied der Autor:innengruppe des Nationalen Bildungsberichts ist.
