
Neulich las ich einen Satz, in dem kein Lehrer mehr vorkamen. Nur noch Lehrkräfte. Ich las ihn ein zweites Mal. Dann ein drittes. Tatsächlich: Der Lehrer war verschwunden. Merkwürdig. Früher verschwanden höchste Kreidestücke. Oder Hausaufgaben. Von Erhard Schoppengerd
24.07.2026
Bundesweit
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Erhard Schoppengerd
Dabei ist eine Lehrkraft zweifellos etwas Beeindruckendes. Eine Kraft eben. Es gibt Windkraft, Wasserkraft, Muskelkraft, Zugkraft. Nun auch Lehrkraft. Vermutlich lässt sie sich auch in Tabellen darstellen, hochrechnen und bei Bedarf umschichten oder verstärken. Ob sie Newton oder Kilowatt als Maßeinheit besitzt, konnte ich bisher nicht herausfinden.
Der Lehrer war ein kompliziertes Wesen. Er hatte Eigenarten. Er erzählte Geschichten, stellte unbequeme Fragen, er begeisterte sich für Gedichte, begeisterte für den Satz des Pythagoras oder die Französische Revolution. Manche waren großartig, manche unerquicklich, fast alle unverwechselbar. Vor allem aber waren sie Personen und keine Ressourcen.
Auch die Lehrerin ist verschwunden
Nun könnte man einwenden, das alles mit Geschlechtergerechtigkeit, einer geschlechtsneutralen Sprache zu tun hat. Das stimmt. Nur drängt sich eine kleine Frage auf: Warum wurden aus Lehrern eigentlich keine Lehrenden? Schließlich studieren heute Studierende, Forschende forschen und Reisende reisen. Nur in der Schule entschied man sich ausgerechnet für die Kraft. Damit ist nebenbei dann auch die Lehrerin verschwunden.
Vielleicht, weil sich Kräfte besser verwalten lassen als Menschen. Das wäre kein Skandal. Eher ein Zeitbild. Unsere Epoche liebt Funktionen. Aus Bürgern werden Humankapitalträger, aus Krankenkunden, aus Universitäten Wissensstandorten und aus Schulen Bildungsdienstleister. Irgendwo dazwischen verschwand der Pädagoge. Wahrscheinlich hat er den Ausgang nur nicht gefunden.
Nur eine sprachliche Frage?
Natürlich ist das alles sicher ganz anders gemeint. Sprache entwickelt sich, Wörter verändern ihre Bedeutung. Niemand sitzt in einem Ministerium und denkt sich morgens aus, wie man den Lehrer ein kleines bisschen technischer klingen lässt.
Und doch haben Wörter ihre Eigenarten. Sie bilden nicht nur Sätze. Sie sind Ausdruck des Denkens – und sie verändern, was wir sehen, wenn wir auf die Menschen blicken, die in ihnen vorkommen.
Vielleicht ist deshalb gar nicht der Lehrer verschwunden. Vielleicht verschwindet gerade ein Stück von der Vorstellung, dass Bildung mehr als die Bereitstellung von Unterricht durch ausreichende Lehrkräfte und Überprüfung von Kompetenzen ist.
Das wäre dann allerdings keine sprachliche Frage mehr. Sondern eine pädagogische. Und eine politische. Denn eine Gesellschaft, die ihre Lehrer verwaltet statt zu berufen, übt sich womöglich auch woanders schon darin, Demokratie zu verwalten statt sie zu leben.
Transparenz-Hinweis: Bei der Recherche dieses Beitrags wurde KI verwendet.
