
Eine aktuelle Auswertung von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zeigt: Der direkte Weg aufs Gymnasium ist längst nicht die einzige Route zum Abitur. Motivierte Schüler:innen entwickeln ihre Kompetenzen auch auf anderen weiterführenden Schulen ähnlich erfolgreich wie Gleichaltrige am Gymnasium.
10.06.2026
Bundesweit
Pressemeldung
LIfBi Leibniz-Institut für Bildungsverläufe
Viele Eltern erleben die Entscheidung für den Übergang auf eine weiterführende Schule nach Ende der Grundschulzeit als Weichenstellung fürs Leben. Doch eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) auf Basis von Langzeitdaten relativiert die Sorge, dass Kinder ohne Gymnasialempfehlung dauerhaft schlechtere Bildungschancen hätten. Die zentrale Erkenntnis: Die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit starkem Abiturwunsch auf Real-, Gesamt- oder anderen weiterführenden Schulen entwickeln sich weitgehend parallel zu denen von Gleichaltrigen auf dem Gymnasium. Gleichzeitig ist die Wahl der weiterführenden Schule nur ein Schritt auf einem längeren Bildungsweg, der auch auf alternativen Pfaden zur Hochschulreife führen kann.
Für die Untersuchung analysierte Bildungsforscher Dr. Felix Bittmann Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Begleitet wurden rund 1.940 Schülerinnen und Schüler über einen Zeitraum von zehn Jahren. Im Fokus stehen Jugendliche mit einem klaren Abiturwunsch bereits zu Beginn der Sekundarstufe (Klasse 5).
Motivation, Unterstützung und Orientierung sind ausschlaggebend
Auf der Grundlage objektiver Kompetenztests in Mathematik und Lesen entwickeln sich motivierte Kinder, auch solche, die das Abitur anstreben, unabhängig von der Schulform nahezu parallel. „In der 5., 7., 9. und 12. Klasse sind die Ergebnisse extrem ähnlich“, erklärt Studienautor Felix Bittmann. Entscheidend sei weniger die Schulform selbst als Motivation, familiäre Unterstützung und gute Orientierung im Bildungssystem. Wichtig sei laut Bittmann, dass die Entscheidung über die Schulwahl zu den Bedürfnissen, individuellen Stärken und dem Entwicklungstempo des Kindes passt. Konkret: Wer nach der 4. Klasse noch nicht reif für das Gymnasium ist, erfahren vielleicht noch einige Zeit von einer anderen Lernumgebung, bevor der Übertritt gut gelingt.
Am Ende zeigt sich jedoch: Beim Abitur bestehen weiterhin Unterschiede. Schülerinnen und Schüler auf dem Gymnasium erreichen den Abschluss statistisch gesehen mit einer um 13 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit. Bittmann sieht das als positive Nachricht, denn frühere Untersuchungen hatten deutlich größere Unterschiede von über 20 Prozentpunkten vermuten lassen. „Die Sorge, dass der zweite Bildungsweg durch Reformen im Schulsystem nicht ausreichend geärkt worden sei, relativiert sich“, so Bittmann.
Bildungsberatung durch Schulen verstärken
Die Studie deutet außerdem darauf hin, dass strukturelle Hürden und mangelnde Informationen eine größere Rolle als Kompetenzunterschiede spielen könnten. Gerade Familien ohne eigene Erfahrung im deutschen Bildungssystem oder mit Migrationsgeschichte hatten oft hohe Bildungsziele, stoßen jedoch auf Hürden angesichts der Komplexität der Bildungswege. Nach der 9. oder 10. Klasse eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten – von Fachoberschulen bis zu beruflichen Gymnasien –, die vielen Eltern jedoch kaum bekannt sind. Deshalb müssten Schulen und Lehrkräfte die Eltern und Jugendlichen über Übergänge und alternative Bildungswege informieren und sie auf diese begleiten. Dass beispielsweise die (Fach-)Hochschulreife auch nachträglich und ohne Altersbeschränkung auf Fach- und Berufsoberschulen erworben werden kann, wüssten viele Eltern nicht.
Mehr Gelassenheit beim Schulübertritt wagen
Auch wenn die Ergebnisse sich nur auf Familien mit sehr hohen Bildungszielen beziehen und nicht auf alle Schülerinnen und Schüler übertragbar sind, rät Bittmann zu mehr Gelassenheit beim Schulübertritt: „Der Weg ist nach der 4. Klasse nicht in Stein gemeißelt – und selbst wenn es nach der 10. Klasse noch nicht klappt, gibt es heute viele Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse nachzuholen“, betont der Bildungsforscher.
Über die Studie
Für die Untersuchung wurden Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie in Deutschland, ausgewertet. Die Auswertung nutzt Daten der NEPS-Startkohorte 3 und konzentrierte sich auf Familien mit hohen Bildungsaspirationen. Unterschiede im sozialen Hintergrund und in den kognitiven Grundfähigkeiten wurden statistisch herausgerechnet, um die Effekte der Schulform möglichst präzise zu vergleichen.
Die Studie ist unter dem Titel „Weniger besorgniserregend als angenommen: Neue Erkenntnisse zu Ablenkungseffekten im deutschen Sekundarbereich“ in der Fachzeitschrift Studies in Educational Evaluation erschienen.
