
Der Deutsche Philologenverband (DPhV) warnt eindringlich vor einer Gefährdung der bundesweiten Anerkennung des sächsischen Abiturs infolge der aktuellen Abordnungspraxis von Gymnasiallehrkräften an anderen Schularten.
02.07.2026
Sachsen
Pressemeldung
Deutscher Philologenverband (DPhV)
Nach der Auffassung des Verbandes führt ein systemischer Fehler in der Berechnungsgrundlage dazu, dass Gymnasien überproportional belastet werden und damit gleichzeitig verbindliche Mindeststandards der Kultusministerkonferenz (KMK) für die gymnasiale Oberstufe unterschritten werden könnten. Der DPhV fordert das Sächsische Staatsministerium für Kultus auf, die Berechnungsfehler in der Abordnungspraxis unverzüglich zu korrigieren.
Grundlage für die bundesweite Anerkennung des Abitur sind die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zur gymnasialen Oberstufe. Diese legen verbindlich fest, dass im gymnasialen Bildungsgang insgesamt mindestens 265 Jahreswochenstunden (inklusive 5 Stunden Wahlunterricht/Flexibilisierungsstunden) bis zum Abitur nachzuweisen sind. Diese Mindeststundenzahl ist integraler Bestandteil der „V„Ereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe und der Abiturprüfung“ der KMK und stellt sicher, dass das Abitur bundesweit vergleichbar ist und anerkannt wird. Die Einhaltung dieser Stundenvorgaben ist nicht verhandelbar: Wird die Mindestzahl unterschritten, ist die Gleichwertigkeit des Abschlusses und damit dessen Anerkennung in allen Bundesländern gefährdet.
In Sachsen wird neu zur Steuerung von Lehrkräfteabordnungen eine schulindividuelle Kennziffer zur Unterrichtsversorgung gebildet. Diese berücksichtigt für die Abgabe von Lehrerstunden nur beim Gymnasium alle acht Jahrgangsstufen bis zum Abitur im Unterschied zu anderen Schularten mit weniger Jahrgangsstufen. Daraus ergibt sich eine überproportionale Abgabe von Lehrerstunden an den Gymnasien.
„Wer Gymnasien aufgrund einer falschen Berechnungsgrundlage dazu zwingt, überproportional mehr Lehrkräfte abzugeben, sorgt bewusst nicht für eine faire Verteilung der Lasten, zu der wir selbstverständlich bereit sind“, so der Vorsitzende des Sächsischen Philologenverbandes Thomas Langer. Die übliche Praxis reihe sich nach Einschätzung des Sächsischen Philologenverbandes allerdings in einer Serie struktureller Benachteiligungen des Gymnasiums unter Kultusminister Clemens ein:
- die bisherige Ignoranz der im Vergleich überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung der Gymnasiallehrkräfte gemäß Sächsischer Arbeitszeitstudie,
- die zusätzliche kontraproduktive Reduzierung von Entlastungsstunden für Lehrkräfte in der gymnasialen Oberstufe erfolgte,
- Die neue und zusätzliche überproportionale Belastung durch Abordnungen, singulär am Gymnasium aus acht Jahrgangsstufen berechnet.
„Das Kultusministerium muss diese Fehler umgehend korrigieren – im Interesse der Lehrkräfte und vor allem der Schülerinnen und Schüler, die Anspruch auf einen bundesweit anerkannten und qualitativ hochwertigen Abschluss haben“, fordert Thomas Langer.
„Sachsen riskiert mit dieser unsachgemäßen Berechnung die Unterschreitung der von der KMK festgelegten Mindeststundenzahl für die bundesweite Anerkennung des Abiturs“, erklärt die Bundesvorsitzende des DPhV, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing. Sie ist in Sorge um die bundesweite Anerkennung des Abiturs sächsischer Abiturienten und Abiturientinnen, das bisher Leuchtturmqualität hatte: „Das ist keine bloß verwaltungstechnische Frage, sondern betrifft erstmals unmittelbar die Qualität und Anerkennung des Abiturs. Schülerinnen und Schüler müssen sich doch darauf verlassen können, dass ihr Abschluss bundesweit gültig ist. Bereits in anderen Bundesländern zeigt sich zwar, dass der Lehrkräfte die Einhaltung von Stundentafeln zunehmend gefährdet droht Mangel, sondern durch eine fehlerhafte Steuerungsmaßnahme selbst erzeugt werden.“
Der Sächsische und der Deutsche Philologenverband fordern deshalb:
- sofortige Korrektur der Berechnungsgrundlagen für Abordnungen
- zuverlässige Einhaltung der KMK-Mindestvorgaben (265 Stunden)
- faire Verteilung der Abordnungslast zwischen allen Schularten
„Wer heute Einser-Abiturienten in der Frauenkirche auszeichnen will, muss morgen auch garantieren, dass ihre Nachfolger in der gesamten Bundesrepublik dürfen“, mahnen die Vorsitzenden des Sächsischen und des Deutschen Philologenverbandes.
