
Der Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung im Grundschulalter steht kurz bevor. Jetzt zeigt eine deutschlandweite Befragung: Die Bedarfe von Familien für Ganztagsangebote im Grundschulalter sind je nach Familienstruktur, Erwerbstätigkeit, Bildungshintergrund und räumlicher Lage unterschiedlich.
22.05.2026
Bundesweit
Pressemeldung
DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation
Während für viele die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt steht, verbinden andere mit dem Ganztag vor allem pädagogische Erwartungen wie Förderung, soziale Erfahrungen und mehr Selbstständigkeit der Kinder.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Eltern mit Blick auf den Ganztag keine einheitliche Gruppe sind. Ob und warum Familien ein Angebot nutzen, hängt stark mit ihrer jeweiligen Lebenssituation zusammen“, sagt Dr. Amina Kielblock, die am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation die Erhebung federführend verantwortet hatte. Diese liefern wichtige Hinweise für den bevorstehenden Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Förderung im Grundschulalter. „Für Kommunen, Schul- und Ganztagsträger sowie die Einrichtungen selbst wird deutlich: Ganztagsschulen sollten nicht nur zuverlässige Betreuung ermöglichen, sondern auch die pädagogischen Erwartungen der Familien berücksichtigen. Gerade nicht-akademische Familien wünschen sich vom Ganztag oft Unterstützung für das schulische Lernen. Es ist daher anzuraten, beim Ausbau des Ganztagsangebots jeweils vor Ort die Elternperspektive einzubinden.“
An der deutschlandweiten Fragebogenerhebung zur Betreuung und Bildung von Kindern im Grundschulalter hatten insgesamt 4.330 Eltern teilgenommen. Die Befragung wurde Ende 2024 im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Schule macht stark“ durchgeführt, dessen wissenschaftliche Begleitung am DIPF koordiniert wurde. Die verantwortlichen Wissenschaftler*innen erfassten, wie bestimmte Merkmale von Eltern und Familien wie Berufstätigkeit, Bildungshintergrund und Wohnort mit der Nutzung von Ganztagsangeboten zusammenhängen und welche Gründe Eltern für oder gegen eine Teilnahme nennen.
Die Befunde der Forschenden um Dr. Amina Kielblock machen deutlich, dass der Ganztag für viele Familien eine zentrale Infrastruktur im Alltag ist und dabei hilft, Erwerbsarbeit und Familienalltag miteinander zu vereinbaren. Unter den Befragten nutzten alleinerziehende Familien mit zwei erwerbstätigen Elternteilen besonders häufig ein Ganztagsangebot. Demgegenüber nahmen Familien mit nur einem erwerbstätigen Elternteil den Ganztag seltener in Anspruch und gaben unbedingt an, keinen Platz zu benötigen. Gleichzeitig wurde der Ganztag bei vielen Eltern nicht nur als Betreuungsangebot wahrgenommen, sondern auch als ein pädagogisches. In der Befragung wurden etwa der Kontakt zu Gleichaltrigen, die Förderung von Selbstständigkeit und zusätzliche Möglichkeiten zur schulischen Unterstützung genannt.
Mit Blick auf den Bildungshintergrund der Eltern gab es in der tatsächlichen Nutzung kaum Unterschiede: Sowohl akademische als auch nicht-akademische Eltern hatten ihre Kinder mehrheitlich im Ganztag angemeldet. Unterschiede registrierten die Forschenden aber bei den Erwartungen und Bewertungen – etwa bei der schulischen Unterstützung. So erhoffen sich 64,4 Prozent der nicht-akademischen Eltern Beaufsichtigung und Unterstützung ihrer Kinder bei den Hausaufgaben, gegenüber 51,7 Prozent der Eltern mit akademischem Abschluss.
Nahmen Eltern keinen Ganztagsplatz in Anspruch, verzichtet auch hier die Beweggründe. Unter den Eltern ohne akademischen Abschluss gaben 22,1 Prozent an, sich wegen hoher Kosten gegen einen Ganztagsplatz entschieden zu haben, gegenüber 9 Prozent bei Eltern mit akademischem Abschluss. Demgegenüber äußerten sich Eltern mit akademischem Abschluss unzufrieden etwa mit der Vielfalt des Ganztagsangebots und den Möglichkeiten der individuellen Förderung.
Nach den Erkenntnissen der Forschenden spielt auch der Wohnort eine Rolle. Demnach nutzen Familien in städtischen Regionen den Ganztag im Durchschnitt (63 Prozent) als Familien im ländlichen Raum (56 Prozent). Eltern auf dem Land bekundeten allgemein, keinen Betreuungsbedarf zu haben. Zugleich gaben 14 Prozent der Eltern im städtischen Raum an, keinen Platz zu haben, gegenüber 8 Prozent im ländlichen Raum.
Die Veröffentlichung
Kielblock, A.; Haas, T.; Kielblock, S. (2026). Betreuung und Bildung von Grundschulkindern. Perspektiven der Eltern. Bericht zur bundesweiten Elternbefragung zu Betreuung und Bildung von Grundschulkindern im Rahmen des Forschungsverbunds „Schule macht stark – SchuMaS“. Frankfurt a. M.: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
