
Viele Kinder beginnen mit Sprachdefiziten in der Schule. Ein Problem, dem die Bildungspolitik nun mit den falschen Maßnahmen begegnet, meint Renate Zimmer. Dabei spricht sie im Bildungsklick-Interview insbesondere die sogenannten „ABC-Klassen“ an, ein neues Modell für Sprachförderung in Nordrhein-Westfalen.
15.04.2026
Bundesweit
Artikel
Anna Petersen
Wie Sprachbildung und -beobachtung in Kitas gelingt und welche Stellschrauben die Erziehungswissenschaftlerin für wichtig hält, berichtet sie im Gespräch mit Redakteurin Anna Petersen.
Anna Petersen: Frau Prof. Zimmer, wie steht es denn um die Sprachförderung in deutschen Kitas?
Prof. Dr. Renate Zimmer: Sprachförderung braucht zuallererst mal eine sehr gute Beobachtung der Situation der Kinder. Welche Interessen haben sie? Wo fühlst du dich angesprochen? Denn Sprache baut auf Beziehung auf. Außerdem steht vor der Sprache eigentlich eine intensive Beziehungsaufnahme. Und die entsteht ja nicht durch das Sprechen, sondern die ensteht durch das Handeln. Also, einen Gegenstand, eine Situation finden, über die es sich zu sprechen lohnt. Die Beziehung ist das Allererste. Und dann ist es natürlich wichtig, das Kind auch sehr empfindlich zu begleiten, das heißt, dort abzuholen, wo es eben seine Fähigkeiten hat, wo es sich auch noch weiterentwickeln kann. Und an der Stelle würde ich sagen, ist es in Deutschland sehr, sehr differenziert, wird es gehandhabt. Außerdem pochen manche auf additive Sprachförderung, dass sie zusätzlich in den Kitas durch bestimmte Fachkräfte durchgeführt wird. Aber es hat sich durchgesetzt und es hat sich auch wissenschaftlich als sinnvoll erwiesen, dass man Sprachförderung alltagsintegriert durchführt. Das heißt, alle Situationen in der Kita nutzt, um die Sprache zu unterstützen, alle Situationen, Alltagssituationen wie das Essen, das Anziehen usw., aber auch ganz bewusst provozierte Spielsituationen, die der Sprachförderung dienen. Und an der Stelle setze ich immer ganz gerne an und sage: Das Spielen braucht ja auch seine Anregung. Und das Kind äußert sich in Spielsituationen viel offener, lockerer, als wenn es direkt zum Sprechen verurteilt wird. Also, alltagsintegrierte Sprachförderung ist bundesweit eigentlich die Lösung des Themas, dass Sprache mehr Unterstützung ganz früh schon in den Kindertageseinrichtungen braucht.
Haben Sie den Eindruck, dass das flächendeckend in der Praxis schon so durchgeführt wird?
Außerdem habe ich ein großes Vertrauen in die Erzieherinnen und Erzieher, in die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas. Sie brauchen nur mehr Zeit. Die Ressourcenfrage, die liegt über alles. Wenn sie die Zeit haben, ist das Bewusstsein da. (…)
