
Wenn Kinder von der Kita in die Grundschule wechseln, erleben sie viele diesen Schritt mit großer Neugier – aber auch mit Unsicherheit. Neue Räume, neue Menschen und neue Erwartungen müssen bewältigt werden. An unserer Grundschule in Solingen haben wir deshalb das Projekt „Vorschulpost“ entwickelt. Ein Erfahrungsbericht.
02.04.2026
Bundesweit
Artikel
Franziska Wenzel
Übergänge als pädagogische Aufgabe
Die Gestaltung des Übergangs zwischen Kita und Grundschule wird seit vielen Jahren als gemeinsame Aufgabe beider Institutionen verstanden. Forschungsergebnisse aus der Transitionsforschung zeigen, dass ein gelingender Übergang insbesondere dann unterstützt wird, wenn Kinder bereits vor dem Schuleintritt positive Erfahrungen mit der jungen Lernumgebung sammeln können und tragfähige Beziehungen zu den neuen Bezugspersonen aufbauen (vgl. Griebel & Niesel 2011).
Dabei geht es weniger um eine erfolgreiche Vermittlung schulischer Inhalte als vielmehr um emotionale Sicherheit, verlässliche Orientierung und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Kinder profitieren besonders dann, wenn sie aktiv am Übergangsprozess beteiligt werden und sich als kompetent und effektiv erleben können.
Genau an diesem Punkt setzt die Vorschulpost an.
Vorschulpost: für Neugier, Freude und Selbstvertrauen
Die Idee: Kinder, die im folgenden Schuljahr eingeschult werden, erhalten bereits mehrere Monate vor der Einschulung regelmäßig Post von der Schule. Die Briefe enthalten kleine Aufgaben, Rätsel, kreative Impulse oder Forscherideen, die die Kinder zu Hause ausprobieren können.
Die Inhalte sind bewusst niedrigschwellig gestaltet und lassen sich ohne besondere Materialien ersetzen. Ziel ist es nicht, schulische Inhalte vorwegzunehmen, sondern Neugier, Freude und Selbstvertrauen zu stärken.
Dabei stehen alltagsnahe, entdeckte Zugänge im Vordergrund, die an die Lebenswelt der Kinder anknüpfen.
Die Kinder können beispielsweise:
- Kleine Beobachtungsaufgaben lösen – Etwa indem sie Nahaufnahmen aus dem Schulgebäude betrachten und gemeinsam herausfinden, worum es sich handelt.
- Bilder gestalten oder male
- einfache Experimente ausprobieren – zum Beispiel ein Feuer-Experiment, bei dem sie gemeinsam entdecken, dass Feuer Sauerstoff zum Brennen benötigt
- Fragen nachgehen, die zum Nachdenken anregen – etwa mithilfe einer Gefühls-Bingo-Karte, bei der Kinder im Alltag beobachten, wann ihnen bestimmte Gefühle begegnen, und diese festhalten.
Durch diese regelmäßigen Impulse entsteht bereits vor der Einschulung eine erste Verbindung zwischen den Kindern und der Schule.
Ein gemeinschaftlich getragenes Projekt
Die Briefe werden an unserer Schule nicht nur von Lehrkräften vorbereitet. Auch Schülerinnen und Schüler beteiligen sich aktiv an der Umsetzung der Vorschulpost. Sie übernehmen das Verpacken, Beschriften und Zusammenstellen der Materialien für rund 130 Kinder aus sechs umliegenden Kindertagesstätten. Jedes Kind erhält dabei einen personalisierten Brief.
Die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler erfolgt im Rahmen der sonderpädagogischen Förderung im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Ziel ist es, soziales Lernen nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern durch konkrete, verantwortungsvolle Aufgaben erfahrbar zu machen. Die Kinder erleben sich dabei als wirksam und als wertvoller Teil einer unterstützenden Gemeinschaft.
Die inhaltliche Gestaltung der Briefe erfolgt federgeführt durch ein Team aus Sonderpädagogin und Sozialpädagogin und wird in Abstimmung mit den kooperierenden Kindertageseinrichtungen entwickelt. Die Themen orientieren sich zu zentralen Vorkompetenzen für den Schulstart.
Da die Materialien bewusst einfach gehalten werden, entstehen nur geringe Kosten. Diese wurden zunächst durch den Schulverein getragen. Nach dem Gewinn des zweiten Platzes beim Solinger Schulpreis konnte die Finanzierung durch das Preisgeld weiter abgesichert werden.
Beziehung entsteht schon vor dem ersten Schultag
Ein zentraler Gedanke des Projekts ist der Aufbau von Beziehung und Vertrautheit. Kinder erleben Schule zunächst häufig als abstrakte und unbekannte Institution. Durch die Vorschulpost wird die Schule bereits im Vorfeld als ein Ort wahrgenommen, der sich für sie interessiert und sie einlädt, aktiv zu werden.
Solche Vorerfahrungen können dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren und Vorfreude auf den Schulbeginn zu entwickeln. Studien zur Übergangsgestaltung zeigen, dass frühe positive Erfahrungen mit Schule einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Bewältigung des Übergangs leisten können (vgl. Griebel & Niesel 2011; Deutsches Jugendinstitut 2020). Auch im familiären Alltag entstehen erste Gespräche über Schule. Und viele Kinder bringen ihre bearbeiteten Aufgaben später stolz zur Einrichtung mit oder berichten im Klassenverbund von ihren Erfahrungen.
Niedrigschwelligkeit als wichtiger Faktor
Ein wesentliches Anliegen bei der Entwicklung des Projekts war es, einen Zugang zu schaffen, der für alle Familien möglich ist. Die Aufgaben sind deshalb so gestaltet, dass sie unabhängig von sprachlichen oder materiellen Voraussetzungen bearbeitet werden können.
Die beigefügten Materialien – etwa einfache Puzzles, Knete mit bildgestützten Anleitungen oder Perlen zum Auffädeln – sind bewusst so gewählt, dass sie zu einer intuitiven Beschäftigung einladen und ohne viele Erklärungen genutzt werden können.
Darüber hinaus werden die Inhalte der Briefe in den kooperierenden Kindertageseinrichtungen in den Vorschulgruppen gemeinsam gelesen und aufgegriffen. So wird sichergestellt, dass alle Kinder Zugang zu den Inhalten erhalten und bei der Umsetzung begleitet werden.
Ergänzend erhalten die Eltern monatlich einen begleitenden Elternbrief mit Erläuterungen und weiterführenden Anregungen. Bei Bedarf stehen diese Informationen auch in weiteren Sprachen zur Verfügung. Die Übersetzungen werden – je nach Möglichkeit – durch Lehrkräfte des muttersprachlichen Unterrichts, Eltern aus der Schulgemeinschaft oder das kommunale Integrationszentrum unterstützt.
Alltagsmaterialien reichen in der Regel aus, und viele Aufgaben lassen sich gemeinsam mit Eltern oder Geschwistern umsetzen.
Gerade für Kinder aus Familien, die mit schulischen Anforderungen weniger vertraut sind, kann dieser niedrigschwellige Zugang eine wichtige Brücke darstellen. Beteiligungsorientierte und alltagsnahe Formen der Übergangsgestaltung gelten daher als besonders wirksam – insbesondere dann, wenn Kinder aktiv einbezogen werden und eigene Erfahrungen machen können.
Zusammenarbeit mit Kindertageseinrichtungen
Die Vorschulpost wird in enger Kooperation mit den Kindertageseinrichtungen umgesetzt. Alle Kinder, die im darauffolgenden Schuljahr eingeschult werden, können an dem Projekt teilnehmen – unabhängig davon, an welcher Grundschule sie später angemeldet werden.
Der gemeinsame Einstieg erfolgt über einen Informationsabend für Eltern, der von den Kindertageseinrichtungen und der Grundschule gemeinsam gestaltet wird. Hier wird das Projekt vorgestellt und es besteht Raum für Fragen und Austausch.
Im Verlauf des Projekts entstehen weitere Möglichkeiten zwischen den Kindern und der Schule: Die Vorschulkinder besuchen die Grundschule, lernen beispielsweise die Turnhalle kennen oder nehmen Begegnung an kleinen Experimenten teil. Umgekehrt besuchen Grundschulkinder die Kindertageseinrichtungen und lesen dort vor.
Auch im Kita-Alltag wird die Vorschulpost aufgegriffen. Die Briefe werden in den Gruppen gemeinsam gelesen und einzelne Impulse gemeinsam umgesetzt. So entsteht eine kontinuierliche Verbindung zwischen den Bildungssorten, die den Übergang für die Kinder zusätzlich unterstützt. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Kita und Grundschule wird in der Übergangsforschung als wichtiger Faktor für gelingende Bildungsbiografien beschrieben (vgl. Griebel & Niesel 2011).
Kleine Impulse mit großer Wirkung
Die Erfahrungen aus der bisherigen Umsetzung zeigen, dass bereits einfache Impulse eine große Wirkung entfalten können: Kinder begegnen der Schule mit größerer Neugier, fühlen sich angesprochen und erleben sich selbst als aktiv Beteiligte an diesem Übergangsprozess.
Die Vorschulpost verdeutlicht, dass Übergangsgestaltung nicht zwangsläufig umfangreiches Programm erfordert. Oft können bereits kleine, kontinuierliche Impulse dazu beitragen, Kindern Sicherheit zu geben und ihnen einen positiven Start in die Schule zu ermöglichen.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um gelingende Bildungsübergänge kann eine niedrigschwellige und beziehungsorientierte Gestaltung einen wichtigen Beitrag leisten.
Inzwischen gehört die Vorschulpost fest zum Übergangskonzept unserer Grundschule. Viele Kinder kommen zur Einschulung bereits mit einer ersten Vertrautheit mit ihrer neuen Schule – und genau das war das Ziel: ein Übergang, der nicht verunsichert, sondern bestärkt.
Literatur
- Griebel, F. & Niesel, W. (2011): Übergänge verstehen und begleiten. Übergänge in der Bildungslaufbahn von Kindern. Weinheim und Basel: Beltz.
- Deutsches Jugendinstitut (2020): Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule. München: DJI.
