
Der Thüringer Lehrerverband hat die Ergebnisse einer tlv-Befragung von Seiten- und Quereinsteigenden im Thüringer Schuldienst veröffentlicht. Die Umfrage zeigt: Zu lange Bearbeitungszeiten, fehlende Verlässlichkeit und unzureichende Unterstützung beim Berufseinstieg gefährden die Gewinnung und Bindung dringend benötigter Lehrkräfte.
29.05.2026
Thüringen
Pressemeldung
Thüringer Lehrerverband
Der tlv leitet aus den Ergebnissen konkrete Forderungen an Politik und Schulbehörden ab. Als zentrale Grundlage der dargestellten Erkenntnisse und abgeleiteten Forderungen dient eine vom tlv durchgeführte Befragung der im thüringischen Schuldienst tätigen Seiten- und Quereinsteigenden.
Bewerbungsprozess
Der Prozess der Rückmeldung zu anerkennungsfähigen Fächern und dem möglichen weiteren Weg im Thüringer Schuldienst dauert von Seiten des Bildungsministeriums zu lange. Zudem werden teils gegebene Zusagen nicht eingehalten und Absprachen nachträglich einseitig zum Nachteil der Seiteneinsteigenden verändert. Ein solches Vorgehen frustriert und vertreibt bereits im Schuldienst befindliche Seiteneinsteiger aus dem Thüringer Schuldienst und hält darüber hinaus potenziell neu zu gewinnende Seiteneinsteiger vom Schritt in den Thüringer Schuldienst ab.
Der tlv fordert deshalb zum eine bessere personelle Ausstattung der zu prüfenden Stellen. Zwischen der Bewerbung eines Seiteneinsteigenden und der Ausfertigung des Bescheides sollte nicht mehr als sechs Wochen Bearbeitungszeit vergehen. Zum anderen fordert der tlv, dass Aussagen von der Amtsseite künftig klar, transparent und verbindlich abgegeben werden. Seiteneinsteigende benötigen Verlässlichkeit hinsichtlich ihres möglichen Weges im Thüringer Schuldienst. Dies betrifft beispielsweise Fragen nach der Fächeranerkennung, nach den möglichen und nötigen Fort- und Weiterbildungen, nach der Eingruppierung, nach den Aufstiegschancen sowie nach der Möglichkeit einer Verbeamtung.
Beschäftigungsverhältnis
Nur 69 Prozent der Befragten verfügen über einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Um die Attraktivität des Seiteneinstiegs zu steigern und die damit gewonnenen Lehrkräfte zu binden, fordert der Thüringer Lehrerverband eine Ausweitung der unbefristeten Anstellung von Seiteneinsteigenden. Eine unbefristete Anstellung mit auflösender Bedingung ist eine befristete Anstellung mit Nebenabrede zur Entfristung vorzuziehen. Ziel sollte ein Zitat von 100 Prozent unbefristeter Arbeitsverträge bei Seiten- und Quereinsteigenden sein.
Nach- und Weiterqualifizierung
Nur 55 Prozent der Befragten haben eine Nach- bzw. Weiterqualifizierung besucht oder absolvieren diese aktuell noch. Insgesamt haben 45 Prozent der befragten Seiteneinsteiger nie eine solche Qualifizierungsmaßnahme absolviert.
Der zu Beginn des Schuljahres 2025/26 eingeführte begründende dreimonatige Vorkurs wird vom tlv ebenfalls ausdrücklich begrüßt. Daraus erwächst jedoch gleichzeitig die Forderung des tlv, auch die Qualifizierung der bereits im Schuldienst tätigen Seiteneinsteigenden zu fördern, und zwar dadurch, dass Angebote geschaffen werden, die transparent und verbindlich mögliche Fort- und Weiterbildungen offerieren.
Berufseinstieg und Arbeitsbelastung
Mehr als 40 Prozent der befragten Lehrkräfte unterrichten Fächer fachfremd. Mehr als ein Viertel, konkret 28 Prozent, sind sogar in zwei oder mehr Fächern fachfremd eingesetzt. Die Aufgabe der Klassenleitung oder stellvertretenden Klassenleitung nehmen 64 Prozent der Befragten wahr. Lediglich fünf Prozent üben neben dem Unterricht keine Funktion in ihrer Schule aus. Der Beitrag, den Seiteneinsteigende für das Funktionieren von Schule und Unterricht leisten, ist außerordentlich hoch.
Ein großer Teil der Seiten- und Quereinsteigenden fühlt sich von der Vielzahl und dem Umfang der Anforderungen, die gerade in der Einstiegsphase an sie gestellt werden, stark herausgefordert und teils überfordert.
Der tlv fordert deshalb eine ehrliche und umfassende Aufklärung der an einem Seiteneinstieg interessierten Personen. Zudem sollte gerade in der Einstiegsphase die Begleitung der Seiteneinsteigenden in den Schulen verbessert werden. Darüber hinaus sollte, ähnlich dem Vorbereitungsdienst einer grundständig ausgebildeten Lehrkraft, auch für seiteneinsteigende eine Schutzfrist von eineinhalb bis zwei Jahren gelten, in der sie sich bei fortgeschrittener Stundenzahl in ihre eigenen Fächer einarbeiten können, ohne bereits fachfremd unterrichten zu müssen. In dieser Zeit sollten sie – außer in unvermeidbaren Ausnahmefällen – von zeitaufwändigen Zusatzfunktionen, wie beispielsweise der Übernahme einer Klassenleitung, grundsätzlich freigestellt werden.
Tim Reukauf, Landesvorsitzender des tlv thüringer lehrerverband dazu:
„Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sind längst eine tragende Säule unseres Schulsystems. Wer sie gewinnen und halten will, muss ihnen Verlässlichkeit, klare Perspektiven und echte Unterstützung bieten – und zwar vom ersten Tag an fachfremd und zusätzlich zur Klassenleitung. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Wir brauchen endlich echte Entlastung, verbindliche Qualifizierung und eine geschützte Einarbeitungsphase.“
